Tolkien und die lausavísa

Den Herrn der Ringe lese ich traditionell alle ein bis zwei Jahre, seit ich 14 bin. Das heißt ich lese ihn gerade zum 10+ mal, ich kann es nicht ganz genau sagen. Immer wieder bin ich von der Sprachgewalt begeistert und bei jeder neuen Lektüre entdecke oder wiederentdecke ich etwas, was mir besonders gefällt oder mich begeistert.

Am Wochenende war ich bei der Schlacht auf den Pelennor-Feldern (das ist das große Gefecht vor Minas Tirith) und mit einigem Erstaunen habe ich festgestellt, dass sich Tolkien hier mehrfach einem Mittel altnordischer Dichtung bedient, der lausavísa. Ich war weniger erstaunt, dass er es tut (die Bezüge und Anlagen an und in die nordische Mythologie und Literatur sind allgemein bekannt und unverkennbar), sondern das mir dieses Detail bisher vollkommen entgangen war.

Auf dem Schlachtfeld lässt Tolkien Eomer zwei mal eine lose Strophe (das heißt lausavísa) aus dem Stehgreif sprechen und leitet sie formgereicht ein:

Aber Éomer sagte zu ihnen:

Nicht der Klage zu viel! Groß war der Gefallene Seiner würdig sein Tod. Wird ihm der Hügel geschichtet Mögen die Frauen weinen. Uns aber ruft der Krieg!

Und später:

Aus Zweifel und Finsternis kam ich, singend Mit blankem Schwert in der Morgensonne Ich ritt, bis Hoffnung und Herz zerbrachen: Auf nun! Dies ist der Tag des Verderbens!

Diese Verse sprach er, doch lachte er dabei.

In der Skaldik werden diese Gelegenheitsgedichte ebenfalls (d. h. wie bei Tolkien) im Fließtext einer literarischen Prosa-Erzählung (Saga) verwendet. Diejenigen, die sie sprechen, möchten einen Sachverhalt betonen, auf etwas hinweisen oder einen dramatischen Moment hervorheben. Wie in diesem Beispiel aus Egil's Saga:

Then Egil spoke a verse:

The slayer of the earl, unfearing ventured bravely forth in the thunder god's din bold-hearted Thorolf fell. The ground will grow over my great brother near Wen; deep as my sorrow is I must keep it to myself.

Diese lose Strophe spricht der Kriegerpoet Egil anlässlich des Tods seines Bruders Thorolfs in der Schlacht.

Bei allen drei Beispielen handelt es sich um Übersetzungen und man müsste in die Originale schauen (ich habe leider keine englische Ausgabe des Herrn der Ringe da), um zu schauen, ob sich weitere Merkmale skaldischer Dichtung finden, wie Stab- und Binnenreim. Im Falle von Egil bin ich mir sicher, bei Tolkien nur fast.